Hebelzertifikate
Hebelzertifikate sind strukturierte Finanzprodukte (Derivate). Deutschland gilt gemeinhin als Mekka für Zertifikate, denn in keinem anderen Land der Welt gibt es eine derart hohe Anzahl an unterschiedlichen Zertifikaten wie in Deutschland. Besondere Popularität erlangten Zertifikate aber erst in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren. Dabei sind Hebelzertifikate aufgrund der sich bietenden Chancen hinsichtlich eines Kapitalzuwachses besonders beliebt. Diese erhöhten Chancen werden allerdings auch mit erhöhten Risiken bezahlt.
Rein formaljuristisch handelt es sich bei Hebelzertifikaten um abgewandelte Anleihen. Demnach wird der Käufer eines Hebelzertifikates zum Gläubiger des Emittenten. Bei einer eventuellen Zahlungsunfähigkeit des Emittenten ist - anders als bei Investmentfonds - nicht sichergestellt, dass der Anleger sein Geld zurückbekommt. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Finanzkrise und den damit verbundenen Bankenpleiten sollte der Emittent daher mit äußerster Sorgfalt ausgewählt werden.
Hebelzertifikate als Long- und Shortzertifikate
Bei den meisten Hebelzertifikaten handelt es sich um so genannte Turbozertifikate. Mit diesen Produkten können Privatanleger unkompliziert auf steigende (Call-, Bull- oder Longzertifikate) oder fallende Kurse (Put-, Bear- oder Shortzertifikate) eines bestimmten Basiswertes "wetten". Bei dem jeweiligen Basiswert kann es sich um eine einzelne Aktie, einen Aktienindex, ein Währungspaar oder einen Rohstoff (oder Rohstoffindex) handeln. Mittlerweile gibt es für beinahe jeden börsennotierten Wert ein passendes Hebelzertifikat.
Funktionsweise von Hebelzertifikaten
Grundsätzlich nutzen Hebelzertifikate Fremdkapital, um eine Hebelwirkung zu erzielen. Je höher dieser Fremdkapitalanteil letztlich ausfällt, desto höher ist die Hebelwirkung. Möchte ein Anleger beispielsweise mit einem Hebel von 2 auf einen stark steigenden DAX (Deutscher Aktienindex) spekulieren, so wählt er ein entsprechendes Hebelzertifikat aus und gibt eine Order auf. In sein Depot wird ein Produkt eingebucht, welches zu 50% mit seinem eigenen Kapital und zu 50% mit dem Kapital der Bank in den Basiswert investiert ist und beispielsweise bei 2,50 Euro notiert.
Anders als bei anderen kreditfinanzierten Investments kann es aber nicht zu einer Nachschusspflicht des Anlegers kommen. Der Anleger kann dabei maximal seinen Einsatz verlieren. Denn wenn sich der Kurs des Basiswertes (entgegen der Erwartung des Anlegers) halbiert, stellt der Emittent das Zertifikat fällig und bucht es aus dem Depot des Anlegers aus. Der Anleger erleidet in diesem Fall einen Totalverlust. Dieser Kurs, zu dem ein Turbozertifikat bzw. Hebelzertifikat "ausgeknockt" wird ist die so genannte "Knockout-Schwelle".
Zum Schutz des Anlegers bieten Emittenten auch Produkte, die über einen Stop-Loss verfügen. Dieser liegt oberhalb der Knockout-Schwelle und wird ausgelöst, wenn der Kurs des Turbozertifikats bzw. Hebelzertifikats die Stop-Loss-Schwelle berührt oder unterschreitet. Der Anleger bekommt dann den Restwert gutgeschrieben. Aufgrund des Fremdkapitalanteils verursacht das Investment in Turbozertifikate bzw. Hebelzertifikate laufende Kosten. Der Emittent hebt die Knockout-Schwelle entsprechend der Zinslast für den Fremdkapitalanteil in regelmäßigen Abständen an. Ein Investment in endlos laufende Turbozertifikate bzw. Hebelzertifikate würde demnach zum Totalverlust führen, wenn sich der Basiswert nicht ändern würde.
Würde das Spekulationsszenario des Anlegers dagegen aufgehen und der DAX um beispielsweise 15 Prozent steigen, würde der Käufer des Turbozertifikats bzw. Hebelzertifikats 30 Prozent (Order- und Finanzierungskosten sowie Steuern unberücksichtigt) Gewinn erzielen, während ein Direktinvestment in den Index nur eine Rendite von 15 Prozent erbracht hätte. Sehr risikobereite Spekulanten nutzen Hebelzertifikate mit Hebeln von bis zu 50. Hebel über 10 werden in der Regel aber nur für Intradaytrades genutzt, da die Risiken sonst unkalkulierbar wären. Mit einem Hebelzertifikat mit einem Hebel von 10 hätte der Anleger eine Rendite von 150 Prozent erzielt. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass Hebelzertifikate besonders beliebt sind.
Nachteile von Hebelzertifikaten
Doch neben dem hohen Verlustrisiko bieten Hebelzertifikate weitere Nachteile, über die man sich unbedingt klar werden sollte. In der Regel handeln Anleger Hebelzertifikate direkt mit dem Emittenten. Aus dieser Tatsache ergeben sich bereits zwei große Risikopotentiale: Der Ausfall der Systeme der Hausbank würde einen Verkauf verhindern und der Ausfall der Computer des Emittenten würde einen Handel unmöglich machen. Letzteres kommt häufig vor. Meist kann erst nach langem Warten das Hebelzertifikat verkauft werden. Über die Parkettbörsen wird der Anleger aufgrund mangelnder Nachfrage seine Hebelzertifikate ebenfalls nicht los.
Außerdem kann der Emittent jederzeit den Handel aussetzen, wenn es zu starken Verwerfungen an den Börsen kommt. Der Anleger kann dann seine Anlageentscheidungen so gut wie nicht mehr umsetzen und muss warten, bis sich die Märkte beruhigt haben und der Emittent wieder Ankaufskurse stellt. Ein weiterer Nachteil der Hebelzertifikate ist der Spread. Er beträgt oft deutlich über einem Prozent. In Verbindung mit den Orderkosten schmälert er die Rendite des Anlegers. Somit muss das Hebelzertifikat oft erst 2-5 Prozent zulegen, damit der Anleger überhaupt einen Gewinn erzielen kann.
Hebelzertifikate - Fazit
Vor dem Hintergrund der enormen Risiken, eignen sich Hebelzertifikate nur für sehr erfahrene Privatanleger, die sich allen Risiken absolut bewusst sind. Ein Totalverlust des eingesetzten Kapitals muss unbedingt akzeptiert werden können. Das Volumen der spekulativen Investitionen in Hebelzertifikate sollte sich außerdem auf wenige Prozent des Depotvolumens belaufen. Trotz der vielen Nachteile lässt sich mit Hebelzertifikaten Geld verdienen. Außerdem sind sie leicht verständlich und die Preisbildung ist - anders als bei Optionsscheinen - sehr transparent.
|